Das Buch

Hier könnt Ihr das erste Kapitel der Blackout-Bande lesen. Ihr erfahrt darin, was es mit der Blakcout-Bande auf sich hat und was während des ersten Stromausfalls passiert ist.


 

Die Blackout-Bande

1
Wie alles begann


Langsam steigt der Rauch in die Höhe und kräuselt sich im Wind. Ich blase in die Glut, sie glimmt auf und knistert. Kleine Funken schwirren durch die heiße Luft. In der großen Tanne singt eine Amsel. Wir sitzen hier im Garten bei 30 Grad, über uns der wolkenlose, blaue Himmel. Sommer im April, unglaublich. Wir haben schulfrei und genießen den herrlichen Tag.
In Wirklichkeit ist dies kein herrlicher Tag. Auch der Duft der Grillwürste, der mir gerade in die Nase steigt, hebt die Stimmung nicht. Denn das lustige Grillfeuerchen ist kein Ferienspaß – es ist unser neuer Herd, der Garten unsere neue Küche. Die Schule ist geschlossen, genauso wie fast alles andere auch: die Geschäfte, Tank­stellen, Arztpraxen. Ob das jemals wieder so wird wie vorher? Werden wir jemals wieder in die Schule gehen? Was werden die nächsten Tage bringen?
Was passiert ist? Es gibt keinen Strom mehr! Komplettausfall überall. Na und, denkt ihr? Ist doch mal ganz lustig? Klar, wenn so ein Stromausfall mal einen halben Tag dauert. Oder auch mal zwei Tage. Aber mittlerweile gibt es seit genau neun Tagen und zwei Stunden keinen Strom mehr. Nirgendwo. Spaßig ist die Sache nicht, sage ich euch, denn überall herrscht totales Chaos. Ihr macht euch keine Vorstellung davon, was das überhaupt bedeutet. Ich hätte das auch nie gedacht.
Es fing mit einem kleineren Stromausfall vor Ostern an. Drei Wochen ist das nun her. In dieser Zeit ist so viel passiert – voll abgefahren. Ich werde über alles berichten, was sich seitdem ereignet hat, und versuche, die Geschehnisse in der richtigen Zeitfolge wiederzugeben.
Aber erst mal zu mir: Ich bin der Matthias, zwölf Jahre alt und Reporter bei der Schülerzeitung der Theißtalschule in Niedernhausen. Das ist ein Örtchen irgendwo im Taunus. Das ist sicher nicht so spannend. Spannender ist, dass ich außerdem die eine Hälfte der »Blackout-Bande« bin. Die andere Hälfte der Bande ist meine Schwester Tina. Echte Zwillinge sind wir. Tina ist die ältere – ja klar, schon bei unserer Geburt hat sie sich vorgedrängelt. ;-)
Dass unsere Bande aus nur zwei Mitgliedern besteht, ist natürlich Quatsch. Fast die ganze 7b ist Mitglied, auch einige aus der Parallelklasse sind dabei. Und es werden immer mehr. Das hat auch einen guten Grund, wie ihr später hören werdet.
Blackout-Bande – komischer Name, was? Warum wir uns so nennen? Na, Blackout ist die Bezeichnung für einen totalen Stromausfall. Und damit ist klar: Unsere Bande hat etwas mit diesem Stromchaos zu tun.
Mein Nickname ist Matze. Ihr könnt mich ruhig auch so nennen. Seit drei Wochen rufen mich manche sogar Matze mit Glatze! Witzig, was? Hähä …, so witzig finde ich das nicht. Wie das kam mit der Glatze? Unsere Friseuse – sie kommt immer zu uns ins Haus – hat mir doch tatsächlich beim letzten Haargemetzel einen riesigen Streifen Haare abrasiert. Ungewollt. Sagt sie jedenfalls. Aber so wie sie das immer macht, musste das ja mal passieren: Sie kneift einem während des Schneidens irgendwann überraschend in den Nacken oder buht einem ins Ohr, damit man richtig erschrickt. Damit sich die Nackenhaare schön aufstellen, sagt sie. Dann kommt sie mit ihrem Monsterrasierer, um die Nackenhaare abzurasieren.
Aber diesmal lief etwas völlig schief. Denn plötzlich fiel der Strom und damit auch das Licht aus und die Friseuse erschrak selbst. Dabei hat sie – aus Versehen, sagt sie – mit ihrem Akkurasierer ein Streifenhörnchen aus mir gemacht.Total erschrocken war ich aufgesprungen und hatte voller Panik die Arme um meinen Kopf gelegt, um den Rest meiner Haare zu retten.
In der Dunkelheit des fensterlosen Bades musste ich mich erst mal festhalten. Das, was mir im nächsten Augenblick auffiel, war diese ungewohnte Stille. Der Elektrorasenmäher vom Nachbarn war verstummt, genauso wie das nervige Gedudel aus dem Radio und das Brummen des alten Kühlschranks. Schnell aber war es mit der Ruhe vorbei. Nach dem ersten »Aaaaaha!« ging das Geschnatter unserer Friseuse, Frau Langhals, los: »Ja, giiiibt’s das denn. Daaas hat mir gerade noch gefehlt. Also, fööönen kann ich dann nicht mehr ohne Strom, … macht denn mal jemand Licht hier? … also neeeee, jetzt muss ich erst mal meine Sachen zusammensuchen …«
Meine Proteste wegen der abgemähten Haare kommentierte sie mit: »Jetzt tragen eh alle so schicke Mützen, weißt duuuu?«
Ich hörte ihr nicht mehr zu, denn genauso plötzlich, wie der Strom weggeblieben war, traf mich eine Erkenntnis: Ich war mir sicher, dass die Katastrophe mit meinen Haaren den Stromausfall ausgelöst hatte. Natürlich war es genau umgekehrt, aber ich sah das eben anders – ich fühlte mich wie ein Wesen, das die Macht hatte, alle Energie der Welt zu kontrollieren. Zum Glück kam meine Mutter hinzu. Sie brachte mich mit dem grellen Lichtkegel einer Taschenlampe und einem gemeinen Grinsen wegen meiner Halbglatze in die Wirklichkeit zurück. Erst als Frau Halblang endlich weg war, nahm ich langsam auch die Stille wieder wahr. Noch total beeindruckt von dem Erlebnis fuhr ich mit den Fingern durch meine neue Frisur. Und begriff mich als Auserwählten – das alles hatte eine tiefere Bedeutung, da war ich mir absolut sicher!
Das mit meiner Frisur und dem dämlichen Matze mit Glatze ist eigentlich nur eine blöde Geschichte am Rand. Der abgesäbelte Haarstreifen ist mittlerweile auch fast nicht mehr zu sehen. Trotzdem war der erste Stromausfall der Anfang von allem, worüber ich und auch meine Schwester Tina euch berichten werden. Ich fühle, es ist unsere Aufgabe, euch die Augen zu öffnen! Hier also unsere Schilderung der Ereignisse.

Der Stromausfall war natürlich das Thema Nummer eins in der Schule. Im Deutschunterricht bei unserem Klassenlehrer, Herrn Bohnenstiel, sprachen wir ausführlich darüber – auch wenn es der letzte Schultag vor den Osterferien war. Für die Theißtal-News – das ist die Schülerzeitung unserer Schule – übernahm ich eine Reportage, die ich in den Ferien fertig schreiben wollte. Das war natürlich ein toller Stoff. Besonders deshalb, weil das ja mal ein richtiger Stromausfall war! Nicht so ein kurzes holpriges Lichterflackern, das schon nach wenigen Minuten verhungert, und alles funktioniert wieder. Sondern ein ausgewachsenes Aus-die-Maus – nichts geht mehr! Ganze acht Stunden blieb der Strom weg. Stellt euch das nur mal vor – total abgefahren!

Meiner Reportage gab ich den Titel:
»Stromlos – hilflos? Wie würden wir leben ohne Strom?«
Ich machte daraus eine ganze Serie – denn was danach alles passiert ist, hatte solche Ausmaße, dass … aber seht selbst!

Hier nun Teil 1 meiner Reportage:

Schöne Ferien!

Niedernhausen, den 21. März – vorletzter Schultag vor den Oster­-
ferien. Die freudige Erwartung auf das bevorstehende Osterfest und die freie Zeit ohne Schulstress wurde jäh durch einen Stromausfall unterbrochen. Um 16.32 Uhr MEZ (mitteleuropäische Zeit) gab es einen totalen Blackout im gesamten Rhein-Main-Gebiet und Rheingau-Taunus-Kreis. Genau 7 Stunden und 58 Minuten ging nichts mehr. Trotz aller Absicherungen und Notfallpläne waren die Experten der Stromwerke nicht in der Lage, das Problem früher zu beheben.
Die Folgen: Die Krankenhäuser und Rettungsdienste waren nur teilweise betroffen, da sie über Notstromgeneratoren verfügen. Das öffentliche Leben aber war praktisch stillgelegt. In den Großstädten brach der Verkehr durch nicht funktionierende Ampelanlagen völlig zusammen – viele Unfälle waren die Folge, der Pendlerverkehr in den Zügen kam zum Stillstand. In manchen Kaufhäusern kam es zu Paniken in den dunklen Verkaufsräumen. Außerdem nutzten Kriminelle die Situation zu Diebstählen, die teilweise in Plünderungen ausarteten.Viele Menschen blieben über Stunden in Aufzügen stecken. In den Supermärkten funktionierten die Kassen nicht mehr. Die Kunden mussten daher den Wochenendeinkauf in den Wagen lassen. Dabei kam es teilweise zu heftigen Auseinandersetzungen mit dem Personal. Auch Leute, die mit ihrem Auto irgendwo in einem Parkhaus standen, hatten Pech: Die Schranken gingen nicht auf. Das Technische Hilfswerk und die Feuerwehr mussten in vielen Altenpflegeheimen Notstromaggregate für Beatmungsgeräte installieren.
In den privaten Haushalten blieben an diesem Tag die Küchen kalt und die Fernseher aus. Auch das Duschen mit heißem Wasser war nicht möglich. Die Telefone funktionierten nicht mehr. Handys und Laptops dagegen liefen noch so lange, bis die Akkus leer waren.
Die Energiekonzerne und die zuständigen Behörden gaben als offizielle Erklärung für den Stromausfall eine defekte Hochspannungsleitung an. Allerdings schien das kaum jemand zu glauben. Denn kurz darauf hörte man wilde Spekulationen über die wirklichen Gründe des Blackouts.
Hier einige davon: Terroristischer Anschlag durch Hackerangriff; Aktion von Umweltaktivisten, um auf die totale Abhängigkeit vom Strom hinzuweisen; letzter Versuch der Energiekonzerne, durch Panik­mache das neue Energiekonzept der Regierung zu kippen; allgemeine Stromknappheit durch die Abschaltung von Kernkraftwerken; erhöhter Strombedarf durch die Klimaanlagen wegen der ungewöhnlichen Hitze zu dieser Jahreszeit.
Wegen der ungenauen Informationen verbreiteten sich die Gerüchte in Windeseile über die sozialen Netzwerke wie Google+, Facebook und Twitter. Kurz darauf gab es bereits etliche neue Webseiten über den Blackout. Eine der meistbesuchten war eine Seite, welche die »offiziellen Vorsorgemaßnahmen« der Bundesregierung beschrieb.
Die wichtigsten Punkte auf der Webseite: Um der Stromknappheit entgegenzuwirken, müssen alle Bürger, entweder mit dem eigenen Hometrainer oder im Fitnessstudio, eine Stunde täglich Strom erzeugen. Diese Energie wird über ein spezielles Batteriemodul eingespeist, das die Behörden zur Verfügung stellen. Medienkonsum: Fernsehen, Radio, PC-Nutzung inkl. Internet, Videospiele usw., sind auf eine Stunde am Tag begrenzt. Heiße Duschen werden nur einmal die Woche gestattet, warme Mahlzeiten nur alle zwei Tage. Licht aus um 20.00 Uhr.
Irgendwo versteckt auf der Webseite stand, dass das Ganze ein vorgezogener Aprilscherz sei. Trotzdem wurde die Seite kurz darauf gelöscht – angeblich von den Behörden. Aber was einmal im Web gelandet ist, lässt sich kaum noch zurückholen oder komplett löschen ...
Auch wenn manche ihre Witzchen über den Blackout machten, waren viele Bürger doch besorgt. Einige reagierten verärgert über die mangelhafte Vorsorge der Behörden. Die meisten aber waren einfach nur sauer, weil sie auf ihren täglichen Fernsehkrimi oder das geliebte PC-Ballerspiel verzichten mussten.

Soweit Teil 1 meiner Reportage.

Das Schöne an diesem stromlosen Abend war, dass viele Leute raus auf die Straßen gingen, sich vor ihren Häusern mit den Nachbarn trafen und diskutierten. Kerzen und Feuerzeuge und viele gute Ratschläge für eine stromlose Nacht wurden ausgetauscht. Gerüchte wurden verbreitet. Das ersetzte dann bei vielen die Abendnachrichten. Das Problem schaffte tatsächlich eine Art Zusammengehörigkeitsgefühl. Wirklich Gedanken über unsere Abhängigkeit vom Strom haben sich wohl trotzdem die wenigsten gemacht.
Das Blöde an diesem Abend war, dass ich das Übernachten bei meinem besten Freund Tobi vergessen konnte. Mein Vater schüttelte auf meinen flehenden Blick hin nur bedauernd den Kopf. Gerne hätte ich wenigstens mit meiner Schwester Tina über den Blackout gequatscht. Aber die war mit Reisevorbereitungen beschäftigt. Sie wollte in den Osterferien zu unserem Großvater auf die Hallig Oland fahren. Und jetzt schob sie die Panik, ob der Strom rechtzeitig wieder da wäre und ihr Zug pünktlich fahren würde.


 

 Wenn Ihr wissen wollt, wie es weitergeht: Das Buch ist im Bluhu-Verlag erschienen und kann dort mit einer persönlichen Widmung des Autors bestellt werden!

Viel Spaß beim Lesen wünscht Euch
Euer Udo Luh

BUCHBILDERDas Tag der Blackout-Bande

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